„Corona als Strafe Gottes“ oder „Corona hat nichts mit Gott zu tun“?

Die Corona-Pandemie – Versuch einer theologischen Einordnung

Von Dekan Friedrich Zimmermann

Erste Meldungen einer möglichen Pandemie trafen über die Medien vor dem Sonntag Invokavit, 1. März 2020, ein. Seither, schon über ein ganzes Jahr lang, hält uns Corona einmal mehr, einmal weniger – zurzeit wieder mehr, ja, fest im Griff.

Inhaltlich – theologisch – ist das Feld der Beurteilung von Corona weit. Es reicht von „Gott und Corona haben nichts miteinander zu tun“ bis „Corona ist Strafgericht Gottes“. Die einen argumentieren: „Gott hat nicht das Coronavirus geschickt,“ so der Ratsvorsitzende der EKD Bedford-Strohm vor einem Jahr. „Er ist ein Gott des Lebens, nicht des Todes. Gott hat sich in Jesus Christus gezeigt, und Jesus hat nicht getötet, sondern geheilt… Gerade jetzt, in der Passionszeit, erinnern wir uns aber auch an das Leiden Christi und machen uns klar, was es bedeutet. Jesu letzte Worte waren ein Schrei der Verzweiflung: Mein Gott, warum hast du mich verlassen! Diese Zweifel, die Jesus hatte, sind welche, die Menschen auch heute haben. Sie dürfen wissen: Gott ist auch da, wo Menschen leiden. Und weil es dieses Leiden eben gibt, ist Ostern mit der Auferstehung eine so wichtige Botschaft: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Das Leben siegt. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat vor Ostern dazu aufgerufen, trotz der Corona-Krise im eigenen Land den Blick für das Leid in aller Welt nicht zu verlieren.“

Gegenteilige Stimmen lauten: „Corona ist Gericht, ist Strafe Gottes“. Aber wen bestraft Gott mit Corona? Bestraft er alle, kollektiv? Und wofür? Für die dichtgemachten Grenzen Europas? Für unendlich großes Leid, das in unserer Welt geschieht durch Gräueltaten in Diktaturen, durch Terror in den Krisen- und Kriegsgebieten auf dieser Erde wie in Syrien, durch gnadenloses Durchgreifen und politische Machtbesessenheit wie in China oder Weißrussland? Oder bestraft er auch subtile und doch täglich geschehende strukturelle Ungerechtigkeit und menschenverachtendes Denken und Handeln? Bestraft er also eine in unserer Welt übermächtige und an vielen Ecken und Enden geschehende Menschenverachtung, die – biblisch-theologisch gesehen zugleich Ausdruck von Gottesverachtung ist?

Wo positionieren Sie sich? Bei: „Corona hat nichts mit Gott zu tun?“ Oder: „Gott lässt sich nicht spotten“ und zeigt mit Corona seine Macht und straft eine Menschheit, die mehrheitlich alles tut, nur nicht fragt nach ihm und seinem Willen? Oder gibt es ein Dazwischen?

Ich persönlich bekenne mich ratlos. Eine klare Antwort darauf zu geben, sehe ich mich nicht in der Lage. Ich sehe Gott nicht in seine Pläne und Ratschlüsse. Und doch sind da Worte von Jesus, die mir Gott anders zeigen, anders als einen, der straft und uns Menschen für Vergehen auf so schreckliche Weise zurechtweist.
In der Bergpredigt sagt Jesus: Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Und deshalb, weil Gott so ist, sollen wir nicht bloß unsere Freunde, sondern auch „unsere Feinde lieben“ und gar „für die beten“, so Jesus weiter, „die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel (Matthäus 5,43-45) – eben dieses Gottes.
Wer wollte nicht Kind eines solchen Vaters sein, des Vaters im Himmel. Ja, das sind wir durch Jesus Christus. Das ist Inhalt unseres Glaubens – Halt, Gehalt. Das ist das Fundament des Glaubens – von Gott gelegt.

Und doch bleibt Corona und all das Leid, das Elend, die Trauer, die Verunsicherung, die wir dadurch erleben zusammen mit allem anderen weltweiten Unheil, das täglich geschieht und verursacht wird. Es bleibt als ein unlösbares Rätsel, am Ende ein Mysterium, das ich Gott nur vor die Füße legen, ja, ihm klagen und ihn bitten kann: Kyrie eleison. Herr, erbarme dich.
Tun wir das – anhaltend. Und tun wir, was uns möglich ist, gegen die Vermehrung von Unrecht, von Leid und Not. Lassen Sie uns gemeinsam der Liebe Raum geben, gegenseitiger Achtung und Wertschätzung – und damit Gott ehren.